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Heft 13 – Jahrgang 9 (2021)

Ganzheitswissen

«Der Körper ist nicht wieder zurückzuverwandeln in den Leib. Er bleibt die Leiche, auch wenn er noch so sehr ertüchtigt wird», so klingt der bekannte Abgesang der Dialektik der Aufklärung auf den Körper und auf unsere Möglichkeit, diesen (und: mit diesem) zu denken. Adorno und Horkheimer sind nur ein Beispiel für jene Narrative, die dem 18. Jahrhundert die (politisch katastrophalen) Folgen einer Ausdifferenzierung der Wissenssphären zuschreiben, die bis heute in ‹Natur› und ‹Kultur› sowie in Natur- und Geisteswissenschaften trennt. Der Resistenz der ‹Trennungsgeschichte› zum Trotz aber arbeitet sich bereits das 18. Jahrhundert in unterschiedlichen wissensgeschichtlichen Formationen kritisch und produktiv an der Descartes bis heute immer wieder zugeschriebenen Trennung in res extensa und res cogitans ab und entwickelt Konzepte von ‹Ganzheit›, die Natur- und Kulturbegriffe zu konstellieren suchen: etwa in den psychophysischen Konzepten der verschiedenen ‹ästhetischen Materialismen› oder (literarischen) Anthropologien, im Zusammenschluss der Künste mit der Physiologie und Diätetik u.v.m.

Das Heft fragt aus verschiedenen disziplinären Perspektiven nach einem solchen Wissen von Ganzheit und interessiert sich für dessen Praktiken, für die historischen und disziplinären Funktionen, besonders für das diagnostische Potential der unterschiedlichen holistischen ‹Versöhnungsbegehren›. Wir schauen zum einen aus der Warte der Nachträglichkeit auf die wissenschaftlichen Diskurse und Künste des 18. Jahrhunderts und fragen, an welchem Körper-Denken und welchen Körper-Praktiken diese partizipieren; und verfolgen zum anderen einige exemplarische Einsatzfelder dieser Suche nach dem Ganzen in den Wissenschaften und den Künsten des (frühen) 20. und 21. Jahrhunderts.